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Dein Haar


Sie haben heute meinen Hund erschossen.
Ich kann nicht reden, denn ich bin betrunken.
Ich weiß nicht, warum sie das getan haben. Er war ein so liebes Tier, aber sie kamen einfach und sagten, es wäre nötig.
Und dann erschossen sie ihn und ließen ihn liegen. Wegen der Seuchengefahr, sagten sie, und gingen.
Da liegt er jetzt, auf der Schwelle der Küchentür, die Zunge heraushängend, fast wie schlafend. Aber die rote Lache und die Patronenhülse daneben erinnern mich an die Wahrheit.
Ich kann ihn nicht wegräumen. Ich kann mich ihm nicht einmal nähern, und deshalb kann ich auch die Küche nicht mehr verlassen. Ich mußte bereits in die Spüle urinieren, da ich die Toilette nicht erreichen kann. Glücklicherweise hatte ich das Bier hier in der Küche, und so konnte ich mich betrinken.
Das Telefon ist im Flur, und ich wohne im dritten Stock. Ich habe nachgesehen, wieviel Lebensmittel noch im Kühlschrank sind. Es wird vielleicht für zwei oder drei Tage reichen. Bis dahin muß jemand gekommen sein, der den Hund wegräumt.
In meinem Suff starre ich das Tier an, und die Farbe seines Fells kommt mir bekannt vor.
Das erinnert mich daran, daß ich mich gestern verliebt habe. Du hast die gleiche Haarfarbe. Sie mußten den Hund erst töten, damit mir das auffiel. Aber vielleicht ist es auch das Blut. Ich wußte vorher nicht, daß mein Hund ein rötliches Fell hatte.
Ich werde dich nie wiedersehen, wenn der Hund dort liegenbleibt.
Vielleicht kann ich hungern. Wasser habe ich. Und ohne Nahrung kann ein Mensch trotzdem einige Zeit aushalten. Aber wirst du dann noch da sein, wenn ich hier wieder herauskomme?
Wirst du noch an meinem Haus vorbeiradeln, wenn der Hund endgültig verwest ist?
Wie lange dauert so etwas? Ich könnte nachhelfen und die Heizung höherdrehen.
Werde ich schlafen können? Hier, in der Küche. Oder wird der Hund mich verfolgen in meine Alpträume und dabei die Farbe deines Haares haben?
Heute Nacht habe ich schon von dir geträumt. Das ging schnell. Normalerweise dauert es länger, bis die Frau, in die ich mich verliebt habe, einen Platz in meinen Träumen einnimmt. Diesmal ging es schnell, und es war sehr schön letzte Nacht.
Wir waren unterwegs, und wir haben irgendwo übernachtet. Am nächsten Morgen bist du dann zu mir ins Bett gekommen.
Aber dann bin ich aufgewacht, und du warst fort. Ich habe das ganze Frühstück lang noch an dich gedacht, bis sie kamen und den Hund erschossen.
Ich nehme mir einen Apfel, spüle ihn ab und mache einen Biß. Dann fällt mir ein, daß ich gefrühstückt habe, und ich muß meine Reserven einteilen. Also lege ich den Apfel in die Obstschale auf dem Tisch zurück und beobachte mit tanzendem Blick, wie die Ränder der Bißstelle sich braun verfärben.
Irgendwann zwischendrin nehmen sie eine Farbe an, die mich wieder an den Hund erinnert und an dein Haar.
Da liegt er noch, hat sich nicht von der Stelle gerührt, aber wie sollte er auch. Ganz kalt ist er bestimmt schon, und dann drehe ich doch die Heizung auf, bis ich schwitze, aber von Verwesung ist noch nichts zu sehen.
Mühsam versuche ich mich an die Kaninchen zu erinnern, die ich an der Straße in die Stadt immer gesehen habe, und versuche zu rekonstruieren, wie lange so eines immer im Rinnstein lag, bis es irgendwann verschwunden war. Aber da waren die Bedingungen anders.
Ich sehe ein, daß ich keine Chance habe, wenn ich darauf warten sollte, daß das Tier zu Staub zerfällt.
Das Küchenfenster geht in den Garten. Dort ist gerade niemand. Aber vielleicht gelingt es mir, eine Botschaft nach draußen zu bringen oder irgendjemand auf mich aufmerksam zu machen.
Ich öffne das Fenster und lehne mich hinaus. Niemand ist zu sehen. Ich beobachte die Nachbarfenster und die unter und über mir. Sie alle sind geschlossen. Aber es ist auch noch früh am Tag. Irgendwann wird jemand auftauchen.
Ob ich schreien soll?
Gerade rechtzeitig fällt mir noch ein, daß ich betrunken bin, und daß niemand helfen wird, für einen Betrunkenen einen toten Hund aus der Küchentür zu räumen, damit sein Besitzer die Küche wieder verlassen kann.
Resigniert sinke ich in den Stuhl zurück. Hat er sich bewegt? Es ist nicht möglich, und ich habe es mir bestimmt nur eingebildet.
Die Augen sind stumpf und die Zunge blau. Deine Zunge ist bestimmt nicht blau, und deine Augen sind alles andere als stumpf.
Sie strahlen, wie ich Augen noch nie habe strahlen sehen, wie ich es von Augen nie für möglich gehalten habe.
Als du an der Ampel standest und ich vom Brötchenholen kam, hast du mich lange angesehen, und ich habe zurückgeschaut. Dann hast du gelächelt, und deine Augen haben so gestrahlt, daß für mich den ganzen Tag lang die Sonne geschienen hat.
Heute war ich wieder Brötchen holen, aber an der Ampel warst du nicht.
Gestern nacht habe ich schon von dir geträumt.
Ein langer Blick in die Augen mit einer Brötchentüte im Arm hat gereicht. Und nun sitze ich hier in meiner Küche, gefangen durch meinen toten Hund.
Warum mußten sie gerade heute kommen, und warum gerade, als ich in der Küche war?
Ich habe noch eine Flasche geöffnet, und langsam werde ich zornig. Zornig und traurig. Der Hund bewegt sich nach wie vor nicht von der Stelle, und so reiße ich erneut das Fenster auf, und diesmal schreie ich um Hilfe.
Nach fünf Minuten öffnet sich zwei Etagen über mir ein Fenster, und eine feiste Hausfrau zetert auf mich herab. Ich versuche, ihr zu erklären, daß mein Hund tot ist, aber sie ignoriert mein Rufen, und als ich nicht aufhöre, gießt sie mir eine Tasse voll Wasser auf den Kopf.
Triefend naß hole ich meinen Kopf in die Küche zurück und trockne ihn mit einem Geschirrhandtuch notdürftig. Plötzlich klingelt es. Es ist die Türklingel, aber der Türöffner ist auch im Flur. Wieder schreie ich, aber diesmal passiert gar nichts.
Nur die Blutlache auf dem Linoleum hat eine Farbe angenommen, die viel zu dunkel ist, um sie mit deinem Haar zu vergleichen.
Wo magst du sein? Wohin fährst du so früh am Morgen? Was tust du? Wo arbeitest du?
Und wer wartet auf dich, wenn du abends zurückkommst?
Die Türglocke läutet erneut.
Ich beginne, mit der Faust gegen eine Wand zu schlagen, bis die Finger schmerzen, aber niemand beachtet den Lärm.
Schließlich öffne ich alle Schranktüren, ohne wirklich zu wissen, was ich suche. Irgendwo finde ich eine Flasche Brennspiritus. Ich weiß nicht mehr, wofür ich sie einmal gekauft habe.
Mir kommt eine Idee.
Ich fülle etwas davon in eine Stielkasserolle um, nähere mich damit dem toten Hund so weit wie möglich und schütte den Spiritus im Bogen über seinen Kadaver. Dann wickle ich das Geschirrtuch um einen Kochlöffel und tränke es ebenso mit Spiritus.
Auf dem Gasherd liegt ein Heftchen Zündhölzer.
Ich entfache das Tuch um den Löffel, und als es richtig brennt, werfe ich es kurzerhand auf den Hund.
Er fängt sofort Feuer, zuerst die blaue Flamme des Spiritus, dann sich gelblich verfärbend und einen Gestank nach verbranntem Haar in die Küche blasend.
Schnell reiße ich das Fenster ein drittes Mal auf. Der Gestank beißt mir in der Nase, und ich fürchte, mich übergeben zu müssen.
Der Hund brennt jetzt lichterloh, hohe Flammen schlagen qualmend herüber in den Flur und entzünden Teppich und Tapete.
Das Linoleum um den Hund schmilzt schwarz und blasenwerfend. Immer beißender und gräßlicher wird der Qualm, und Hustenreiz packt mich, obwohl ich am Fenster stehe.
Jetzt brennt der ganze Türrahmen, und erneut schreie ich um Hilfe. Niemand scheint den Rauch zu sehen, der aus dem Fenster zieht.
Von dem Hund ist jetzt nichts mehr zu erkennen. Ein schwarzer Haufen verkohlten Fleisches inmitten meiner brennenden Wohnung.
Endlich scheint drüben im Nachbarhaus jemand aufmerksam geworden zu sein. Aber dann sehe ich nichts mehr, denn auch die Augen brennen und tränen. Schon haben die ersten Küchenmöbel Feuer gefangen und in dem Schrank zerspringen Tassen und Teller.
Durch das offene Fenster wird der Brand zusätzlich angefacht, und so steht in Sekundenschnelle schließlich die ganze Küche in Flammen.
Ich klettere auf die Fensterbank und blicke hinunter.
Ich habe immer Höhenangst gehabt, und mir wird schwindelig,um so mehr nach fünf Flaschen Bier.
Da faßt eine lange Flammenzunge nach mir und trifft mich am Rücken. Sofort brennt mein Pullover und sengt sich in die Haut.
Rasende Schmerzen durchfahren mich. Schreiend verliere ich das Gleichgewicht und stürze aus dem Fenster.
Eine Feuerlohe hinter mir herziehend falle ich und schlage unten brennend auf.
Mein letzter Blick gilt dem Feuer.
Es brennt mit einer Farbe - die ist genau wie dein Haar.


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